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Walk a mile...

Hier wird es ab jetzt in unregelmäßigen Abständen Gastartikel geben von Menschen die aus anderen Perspektiven heraus etwas zu erzählen haben als ich. Ich möchte Geschichten einen Raum geben, Sichtbarkeit fördern und Akzeptanz fordern (auch) abseits dessen, was meine Realität ist. Los geht es heute mit einem Geburtsbericht dessen Verfasserin anonym bleiben möchte. Danke fürs teilen!

Als Linda mich fragte, ob ich für ihren Blog einen Gastartikel in Form meines Geburtsberichts schreiben würde, stutzte ich kurz. „Aber du weißt schon, dass...“ Ja, sie wusste. Meine Kind kam per sogenanntem Wunschkaiserschnitt zur Welt, also ein selbst gewählter Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation. Und da ich persönlich diese Form der Geburt aus eigener Erfahrung als ziemlich stigmatisiert empfinde, wird dies hier kein klassischer Geburtsbericht – schauen wir dem rosa Elefanten im Raum direkt ins Gesicht: Warum ein selbst gewählter Kaiserschnitt?

Während meiner Schwangerschaft kämpfte ich mich vergeblich durch alle Hebammen- und Elternblogs, die ich finden konnte auf der Suche nach einem Geburtsbericht, in dem der Ablauf und die Hintergründe eines selbst gewählten Kaiserschnitts geschildert wurden. Ohne Erfolg. „Lies doch schöne Geburtsberichte von natürlichen Geburten!“ sagte meine Hebamme. „Dann entscheidest du dich vielleicht noch um.“ Ich versuchte es, aber der Effekt war eher gegenteilig.

Dass mein Kind per Kaiserschnitt zur Welt kommen sollte, jedenfalls wenn ich wirklich ein eigenes bekommen sollte, denn auch Adoption war eine Möglichkeit, stand für mich schon immer fest. Eine vaginale Geburt gehörte schon lange vor dem positiven Schwangerschaftstest zu den letzten Dingen, die ich einmal erleben wollte und auch während der Schwangerschaft änderte sich daran nichts.


Schwanger zu sein, Kinder zu gebären und zu stillen ist für mich nicht Teil meiner (weiblichen) Identität und diese simple Tatsache macht den größten Teil meiner Entscheidung für einen Kaiserschnitt aus. Entgegen aller Annahmen fehlt mir nichts, ich habe nichts verpasst und wurde keiner essentiellen Erfahrung beraubt, wie es oft der Fall ist, wenn Geburten vaginal geplant sind und ein Kaiserschnitt notwendig wird. Ich hatte und habe nicht das Bedürfnis vaginal zu gebären.


Direkt beim ersten Vorsorgetermin sprach ich meinen Gynäkologen darauf an, dass ich das Kind per Kaiserschnitt gebären werde. Er lächelte müde und sagte: „Das ändert sich noch, warten Sie mal ab, es ist ja noch ganz frisch. Viele Frauen haben Angst vor der Geburt.“ Ich wechselte wegen eines Wohnortwechsels den Arzt, aber besser wurde es nicht. „Frauen sind zum Gebären gemacht! Sie haben keinerlei Risiken! Wie soll es denn erst werden, wenn das Kind da ist? Elternschaft ist kein Spaziergang, eine Geburt ist nichts dagegen.“


Dass die körperlichen Anteile der Mutterschaft, also wie die Schwangerschaft erlebt wird, wie geboren wird und ob und wie lange gestillt wird, und die positive, oder eben negative Einstellung ihnen gegenüber absolut nichts mit meiner Kompetenz und meinem Gefühl als Mutter zu tun haben, wurde mir logischerweise erst später klar. Bis mein Kind auf die Welt kam, fürchtete ich die Worte meines Arztes, die ich in ähnlicher Form noch öfter hören sollte.


Während ich zu Beginn der Schwangerschaft noch ganz offen und naiv von meinem Plan, das Kind per Kaiserschnitt zu gebären, erzählte, wurde ich später zunehmend stiller, denn die Reaktionen deckten das gesamte Spektrum negativer Emotionen ab. Von wütend, verurteilend bis hin zu geschockt, war alles vertreten. Da natürlich auch ich das bestmögliche für mein Kind wollte, trafen mich besonders die Kommentare hart, die mir unterstellten, ich würde es mir einfach machen – auf Kosten der Gesundheit meines Kindes.


Zur Information sei folgendes gesagt: Ich lese immer wieder und auch meine Vorsorgehebamme sagte es im Geburtsvorbereitungskurs, dass es kontraproduktiv sei, sich übermäßig über Risiken und mögliche Komplikationen zu informieren, da es Angst schüren und die Einstellung zur Geburt negativ beeinflussen könne. Die Risiken eines Kaiserschnitts wurden uns hingegen in der gesamten Bandbreite erklärt und auch mein Umfeld hatte keine Scheu hin und wieder ein „Das arme Kind!“ verlauten zu lassen.


Da die Entscheidung für einen Kaiserschnitt für mich ohnehin die einzige Option war, versuchte auch ich zu Beginn der Schwangerschaft von meinem Recht auf eine positive Grundstimmung gegenüber meiner Geburt Gebrauch zu machen. Information, Wissen, Gestaltung des Geburtsablaufs gemeinsam mit dem Klinikpersonal und Ausgleich möglicher, kaiserschnittbedingter Defizite, ja, mich verrückt machen, nein.

Als der Rechtfertigungsdruck jedoch größer wurde, begann ich immer mehr zu lesen und kam zu folgendem Ergebnis: Die Risiken einer vaginalen Geburt und eines Kaiserschnitts sind vor allem: unterschiedliche. Dass das Risiko einer Uterusruptur bei einer Folgeschwangerschaft beispielsweise nach einem Kaiserschnitt erhöht ist, stimmt. Da ich aber ohnehin kein zweites Kind möchte, spielt es für mich keine Rolle. Wenn es mir wichtig ist, Geburtsverletzungen zu vermeiden, bin ich, was dieses Risiko angeht, mit einem Kaiserschnitt besser beraten, denn es ist nicht vorhanden. Wenn gewisse Risiken erhöht sind, lohnt es sich auch immer, nicht nur eine Zahl zu betrachten, sondern was sie tatsächlich bedeutet – Wie viele von 100, von 1000, oder gar von 100.000 Geburten sind betroffen? Wie schätze ich persönlich dieses Risiko ein? Nehme ich es in Kauf? Auch befassen sich die meisten Statistiken mit den Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit von Mutter oder Kind, aber es spielen auch so viele andere Faktoren eine Rolle, vor allem die psychische Gesundheit, aber auch die Strukturen innerhalb der Familie, das persönliche Sicherheitsgefühl (Während sich andere Gebärende vielleicht zu Hause am sichersten fühlen, ist es bei mir der Operationstisch im Perinatalzentrum Level I), das Kontrollbedürfnis, der Stellenwert, den körperliche Gesundheit in meinem Leben einnimmt, der eigene Erfahrungsschatz, das persönliche Schmerzempfinden. Und nicht zuletzt das vorherrschende Gefühl während Schwangerschaft und Geburt. Eine Geburt ist dann gut, wenn ein respektvolles, sicheres, geborgenes Klima herrscht und die persönlichen Bedürfnisse der Gebärenden berücksichtigt werden. Was diese Bedürfnisse sind, ist höchst individuell.

Während meine Hebamme versuchte, mir die Gründe für meine Entscheidung zu entlocken, um sie dann allesamt als inakzeptabel zu verurteilen – an dieser Stelle sei gesagt, dass medizinisches Personal aus meiner Sicht nicht das Recht hat, die Gründe zu erfahren, geschweige denn darüber zu urteilen – machte ich einen Termin in der Klinik und hatte nach einer halben Stunde Gespräch einen Termin für die Geburt meines Kindes, terminiert auf den ersten Tag der 40. Schwangerschaftswoche. Keine lästigen Fragen, keine Verurteilungen, kein Absprechen meiner Entscheidungsfreiheit. Ich kann nicht leugnen, dass ich hier auch von einem profitorientierten System profitiere. Dass es so ist, dass meine persönlichen Bedürfnisse zufällig dem Ideal dieses Systems entsprechen, gibt aber niemandem das Recht, mich für dieses System verantwortlich zu machen. Wie geboren wird, ist politisch, dennoch ist meine Entscheidung für einen Kaiserschnitt per se keine politische, sondern eine zutiefst persönliche.


Und wie war sie nun, die Geburt? Bis auf einen unschönen Kommentar meiner Klinikhebamme genau richtig. Wunderschön. Die Planbarkeit und das Wissen um den Ablauf gaben mir ein Gefühl großer Sicherheit. Ich wurde stets informiert, mit einbezogen, mein Schmerzempfinden wurde respektiert und noch bevor mein Kind wenige Sekunden lang untersucht wurde, auf einem Tisch in Sichtweite, konnten wir uns zum ersten Mal begrüßen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Gefühl in diesem Moment dem Gefühl vaginal Gebärender in irgendetwas nachsteht, ebenso wenig wie die Bindung zwischen meinem Sohn und mir. Noch schöner wäre es allerdings gewesen, wenn es eine positive, unterstützende Grundstimmung gegenüber allen Geburtsformen und individuellen Bedürfnissen gäbe. Wenn wir uns alle auch für Möglichkeiten einsetzen könnten, die wir für uns selbst nicht wählen würden. In anderen Lebensbereichen lassen wir längst mehr Individualität zu, haben wir längst verstanden, dass Menschen sich nicht auf ein zeitgenössisches Ideal oder eine vermeintliche „Natur“ ihrer Weiblichkeit oder Männlichkeit reduzieren lassen, sondern dass Grenzen verschwimmen und dass Platz für individuelle, dem vorherrschenden Ideal abweichende Bedürfnisse, viel Leid ersparen kann. Dieser Text soll weder Werbung für Wunschkaiserschnitte sein, noch andere Geburtsformen in irgendeiner Form beurteilen. Er soll auch nicht anderen, die anders erleben und anders gebären, ihre Diskriminierungserfahrungen absprechen. Aber: Ich wünsche mir weniger ungefragte Beurteilungen, weniger Einschätzungen der Entscheidungsfähigkeit anderer und mehr Unterstützung. Für alle ganz eigenen und einzigartigen Wege.

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