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  • linda

DANKBARKEIT

Als Coach über Dankbarkeit zu schreiben scheint irgendwie so „must do“.

Zumindest meine Internetblase ist voll davon und auch in meinen privaten Bereich dringt es, beispielsweise hat mein Freund über einige Monate ein Dankbarkeitstagebuch geführt.

Hier nun also auch von mir ein paar Worte über Dankbarkeit...



Schauen wir uns erst einmal an, was es damit auf sich hat – also warum Lifecoaches, spirituelle Lehren, das Christentum wie auch andere (Welt-) Religionen und die Psychologie so auf Dankbarkeit setzen. Nicht alle gleich und vor allem nicht gleich lang, denn z.B. in der Psychologie ist das Thema der Dankbarkeit gar kein sehr alter Hut.

Das ist es, was Wikipedia dazu sagt: „Dankbarkeit ist ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird

Ich sehe in Dankbarkeit auch ein Bewusstmachen von Privilegien. Das positive Auseinandersetzen mit dem, was gut läuft, für einen Moment den Blick von dem zu nehmen, was ich alles nicht habe, was mies läuft gerade und ihn dorthin zu lenken, wo ich etwas positives sehen kann.

Dankbarkeit als Praxis, beispielsweise in Form eines Dankbarkeitstagebuchs, hat nachweislich positive Auswirkungen.

Dankbarkeit, ein positives Gefühl, kann trainiert werden wie ein Muskel. Menschen, die sich regelmäßig damit auseinandersetzen, wofür sie dankbar sind, fühlen sich zufriedener, gesundheitlich fitter und sie treiben sogar mehr Sport.

So betrachtet verstehe ich die nahezu allgegenwärtige Aufforderung zur Dankbarkeit.

Nur möchte ich das jetzt einmal nicht nur auf diese Weise betrachten, ich möchte meinen Blick weiten.

Zum einen möchte ich von Dankesschuld sprechen. Irgendwie eng verknüpft mit Dankbarkeit und doch meilenweit davon entfernt. Hattest du selbst schon einmal das Gefühl, für etwas dankbar sein zu müssen? Vielleicht weil du wusstest, dass dein Gegenüber das von dir erwartet oder auch weil du selbst genau das von dir erwartet hast? Und das Gefühl der Dankbarkeit wollte und wollte sich aber nicht einstellen?

Du hast dann vielleicht dennoch Danke gesagt und dich mies dabei gefühlt? Oder du hast dir dein Danke verkniffen, weil du wusstest, es käme nicht von Herzen, aber doch konntest du die Erwartungshaltung an dich selbst nicht abschütteln?

So ging es mir mal und ich kann sagen – das ist sehr, sehr unangenehm. Ich müsste doch dankbar sein! – so war es in meinem Kopf. Doch in meinem Herzen kam das so überhaupt nicht an. Mir selbst hat damals bei einem Coaching meine Ausbilderin den Kopf gewaschen und meine Perspektive gerade gerückt, dass ich mal bitte sehr ganz sicher kein Fest zum Dank ausrichten werde (das hatte ich tatsächlich vor), so lange ich keine Dankbarkeit fühle.

Hier war die Dankesschuld also aktiviert. Und da die eben nicht im Herzen ankommt, ist sie meilenweit von Dankbarkeit entfernt.

Und dann gibt es da noch ein gewisses Abnutzen des Gefühls der Dankbarkeit. In einer Studie wurde mittels zweier Gruppen herausgefunden, dass jene länger von den positiven Auswirkungen der Dankbarkeit für ihr eigenes Leben profitierten, die zwar regelmäßig, aber nicht (mehr) täglich, ihre Dankbarkeit aufschrieben und sie sich so bewusst machten.

So passierte es bei der Kontrollgruppe, die täglich ihre Dankbarkeit festhielt, dass es zu einem Automatismus wurde – die Reflexion über das, was war, flachte ab und es wurden eher Standards abgerufen.

Was ich hier also sagen möchte: die Benefits davon, ein Gefühl der Dankbarkeit zu etablieren, liegen klar auf der Hand. Aber ich möchte mit diesen Zeilen den Druck nehmen, der vielleicht bei der ein oder anderen entsteht, wenn gefühlt das ganze Internet zu verschiedensten Dankbarkeitspraktiken aufruft.

Ich würde auch sagen: schau doch mal hin, was da ist, fühl mal rein – wofür bist du dankbar? Und ich würde auch empfehlen, das von Zeit zu Zeit nicht nur gedanklich zu machen, sondern es auch aufzuschreiben. Zum einen kannst du dann immer mal wieder darauf schauen, dich damit vielleicht in schlechten Zeiten etwas aufbauen – zum anderen ist die Auseinandersetzung, die wir auch schriftlich festhalten, meist etwas intensiver und konzentrierter.

Aber vielleicht machst du das nicht täglich, sondern machst einen Wochen- oder Monatsrückblick.

Und vor allem, erlaube dir selbst einfach auch mal alles scheiße zu finden. PMS, Trennung, Krankheit, Tod – findest du dennoch Dankbarkeit? Fein. Wenn nicht – das ist ok!!! Es gibt diese Zeiten im Leben, mal ein paar Tage, mal Monate und vielleicht gibt es auch Dinge, die lassen sich nie gänzlich abschütteln. Dann hast du genug damit zu tun, traurig, wütend, niedergeschlagen zu sein, dann brauchst du keinesfalls zusätzlichen Druck durch das Suchen nach Dankbarkeit, wenn du das Gefühl hast, sie ist einfach gerade nirgendwo zu finden.

Mach dich weit – deinen Blick, deinen inneren Raum, sodass du sehen kannst, dass geschehen kann, was auch immer da gerade ist – ganz ohne Erwartung. Und mit dieser Weite, einer offenen Ausgangslage, kannst du kommen lassen, was auch immer kommen mag. Dann, wenn es so weit ist. Vielleicht bist du mit Trauer, mit Wut, mit Trübsal irgendwann so voll, dass du gerne eine neue Erfahrung machen möchtest und vielleicht findest du sie dann. Und vielleicht aber auch nicht...

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