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50/50

Unser Weg zur 50/50 Aufteilung in der Care Arbeit.


Der Mann und ich teilen uns die Zeit mit den Kindern 50/50. Das sieht so aus, dass wir die Tage von Montag bis Freitag zeitlich gleichberechtigt aufgeteilt haben. Wir beide haben zu gleichen Teilen Zeiten mit und ohne die Kinder.

Wir haben da inzwischen viel durch – von jeweils um 15 Uhr wechseln, über doch lieber um 14 Uhr, zu ganzen Tagen und dann wieder halben.

Das war und bleibt auch vermutlich immer im Wandel. Wir testen, erleben und nähern uns dann immer mehr dem, was gerade passt.

Wir geben uns nach einer Umstellung immer vier Wochen Zeit, dann setzen wir uns wieder zusammen und besprechen, ob die Änderung gut war oder ob noch Verbesserungsbedarf besteht.

Die Wochenenden verbringen wir in aller Regel gemeinsam und Zeiten, abseits vom Alltag, für so etwas wie Aus- und Weiterbildung oder ein spezielles Event, die besprechen wir dann, wenn sie dran sind. Und da hatten wir in den letzten Jahren ein grobes „du hattest deine Zeit und jetzt bin ich dran“.

So haben wir in den letzten Jahren dann auch immer Zeiten gehabt, in denen eine(r) von uns auch am Wochenende mal raus war. Dazu gab es dann keinen 1:1-Ausgleich, sondern einen situationsbedingten.

Wer die Kinder hat, ist auch für alles zuständig, was in der Zeit akut im Haushalt anfällt – wir haben die Regel, dass die Wohnung jeweils ordentlich bzw. benutzbar mit den Kindern übergeben werden muss. Das heißt bei uns im Wesentlichen, dass die Küche ordentlich ist. Denn die ist so winzig, dass da nichts geht, wenn Zeug stehen bleibt.

Weitere Haushaltsaufgaben haben wir minimal (nur Einkauf und Wäsche) aufgeteilt. Den Rest erledigen wir so, wie es eben passt. Was aber nicht unbedingt die beste, bzw. eher keine Lösung ist. Alle Termine rund um die Kinder macht, wer gerade die Kinder hat.

Als unser erstes Kind geboren wurde, war ich zu Hause und mein Freund hatte einen angestellten, aber zeitlich relativ flexiblen Job. Immer stand für uns fest, dass wir unser Familienleben anders leben wollen, als wir es selbst erlebt hatten. Wir wollten die Familie und nicht das Geld in den Mittelpunkt stellen, wir wollten gemeinsam da sein statt unserem Kind nur einen Wochenendpapa zu präsentieren. Darüber hinaus gingen wir aber relativ blauäugig in den Start unseres Familienlebens. Nun ist es eh schwer, das Leben – ob nun mit oder ohne Kinder – zu planen bzw. ist es unsinnig, anzunehmen, dass dieser Plan 1:1 aufgehen würde. Dennoch würde ich heute allen, die es hören wollen, dazu raten, sich vorher Gedanken darüber zu machen, wie die Care-Arbeit aufgeteilt werden soll, denn ich glaube, das kann viel Frust ersparen.

Und dann war unser erstes Kind geboren, für das Frühwochenbett und die erste Zeit darüber hinaus waren wir beide da, dann ging mein Freund wieder arbeiten, immer nur etwa dreimal die Woche und dann aber – je nach Schicht – entweder von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr oder von 20 Uhr bis 8 Uhr. Mit Anfahrtswegen war er 14 Stunden außer Haus und nach einer Nachtschicht musste er dann erstmal schlafen. Wir hatten daneben immer noch viel Zeit gemeinsam, aber die Zeiten, in denen ich allein war, die waren auch immer lang am Stück.

Irgendwann fing es dann an, dass ich von der gemeinsamen Zeit, die wir dann auch wirklich immer zu dritt verbrachten, Zeit nur für mich allein haben wollte. Mal nur Momente, wenn ich es am Vortag besonders anstrengend fand und irgendwann wurde daraus mein freier Tag. Es kam ein weiteres Kind dazu, aus dem angestellten Job wurde langsam die Selbstständigkeit und es blieb mein freier Mittwoch. Das war der Tag, den ich nur zu meiner Verfügung hatte, an dem ich machen konnte, was ich wollte. Allein.

Irgendwann fühlten wir uns beide übersehen in unserem Arrangement, fanden alles ungerecht und fanden dass der/die jeweils andere es ja viel besser hätte.

Mein Freund fand es ätzend, dass er entweder arbeiten war oder die Kinder hatte und ich fand es doof, dass ich bis auf die eine Ausnahme, standardmäßig für die Kinder zuständig war und jeden Termin, den ich mir legen wollte, mit meinem Freund absprechen musste. Außerdem war ich ja immer nachts zuständig, habe viel gestillt nachts und daher wenig geschlafen – irgendwie dauerhaft und das hat mich so runtergerockt, dass ich keine Lösung wusste. Ich habe meinem Freund gesagt, ich verstehe ja, dass das doof sei, aber dass ich keine Kapazitäten habe, irgendetwas abzugeben. Ich brauchte diesen Tag so dringend, dass es für mich völlig abwegig war, den etwa wöchentlich wechselnd zu teilen. Außerdem hatte mein Freund ja immerhin die Bahnfahrt zur Arbeit ganz allein, eine Zeit, in der niemand was von ihm wollte, in der er Musik hören oder lesen konnte. So weit war es, dass ich das als Freizeit ansah, die ich ihm neidete.

Es gab zwei Schlüsselmomente und eine sehr zielführende Frage unserer Paartherapeutin, die uns dann irgendwann dorthin brachte, wo wir jetzt sind.

Damals habe ich noch nicht gearbeitet, aber wir haben festgelegt, dass unsere Zeit gleich viel wert ist – ganz egal, ob ich sie mit Sauna und Kaffe trinken und er sie mit Arbeit füllt. Schließlich stand für uns immer noch fest, dick Kohle brauchen wir nicht und da ich in Elternzeit war, hatten wir die Grundsicherung vom Jobcenter. Wer das kennt, weiß, wie wenig das ist. Wer das nicht kennt, muss mir einfach glauben – da sind keine großen, nicht mal mittlere Sprünge drin, es ist eben die „Grund“sicherung.

Das war nie leicht, aber immer das, was wir vorzogen.

Das war unser Weg zu 50/50. Inzwischen arbeiten wir beide. In meiner Zeit ohne Kinder ist es mir immer noch wichtig – neben meiner Arbeit, die ich liebe – genug Zeit für soziale Kontakte oder auch Zeit nur mit mir und nem Stück Kuchen zu haben. Mein Freund füllt seine Zeit nahezu komplett mit Arbeit, die er ebenfalls liebt, und Sport. Unsere Zeit ist absolut gleichwertig und wir entscheiden ganz für uns allein, womit wir sie füllen. Das Gleichgewicht, das daraus entstanden ist, hat sehr viel Konfliktpotential genommen und Zufriedenheit gefördert.

Die Basis all dessen ist natürlich immer noch, dass wir verdammt wenig Kohle haben. Dass wir unsere Prioritäten nicht aufs Finanzielle gelegt haben und das ist nur möglich, weil wir immer noch ein kleines Kind haben, das nicht fremdbetreut wird, sondern von uns und dass uns gesetzlich zusteht, unser Kind drei Jahre zu Hause zu haben und in dieser Zeit finanziell grundgesichert unterstützt zu sein.

Das ist unser Modell – das, wo wir nach unserem Erleben und Empfinden mit unserer persönlichen Planung gelandet sind. Mir ist das so verdammt wichtig. Ich brauche Zeit für mich, ich brauche das Gefühl (und aufgrund akuter Kopflosigkeit) den festen Rahmen meiner frei verfügbaren Zeit statt alles absprechen zu müssen.

Ich will, dass meine Kinder einen Vater haben, der da ist, einer, der nicht nur Bonbonpapa ist, der ebenso zuständig ist, seine eigenen Routinen mit den Kindern hat und der mich nicht fragen muss, was er denn zu tun hat, wenn das Baby weint oder was die Kinder eigentlich am liebsten essen, wo die Klamotten der Kinder sind oder wo das Fieberthermometer zu finden ist. Das wäre ehrlich gesagt absolut unsexy für mich. Und das ist natürlich nur meine Sicht. Selbstverständlich hat mein Freund auch selbst diesen Anspruch. Der allzu oft gehörte Satz „mein Partner hilft mir ganz toll mit den Kindern und/oder dem Haushalt“ (so oder in allen möglichen Variationen) lässt mich innerlich immer zusammenzucken, so weh tut er mir.

Mich erfüllt es, meiner Arbeit nachzugehen, mir tut es gut, meine Kinder auch mal nicht zu sehen. Und natürlich heißt das alles nicht, dass ich die klassische Rollenaufteilung falsch finde.

Wenn sie das Ergebnis von Gesprächen, gehörten Wünschen, gleichberechtigten Stimmen, einer offenen Ausgangslage und vorhandenen Kapazitäten ist, dann ist Frau, Mutter, Heim und Herd doch absolut fein. Dann ist Mann, Arbeit, Geld genau richtig.

Was ich aber sehr viel öfter (und mit sehr viel öfter meine ich nahezu immer) sehe ist, dass es einfach keine Gespräche darüber gibt. Dass ohne die konkrete Frage danach, die Rollen ganz klassisch verteilt werden, weil es eben so ist. Und dass dann nicht selten Unzufriedenheit entsteht und am häufigsten bei den Frauen. In meinem Umfeld gibt es wenige Menschen mit nine to five-Jobs. Die meisten machen etwas, dass sie sehr frei gewählt und immer sehr gemocht haben, aber seit der Geburt des ersten Kindes nicht mehr tun. Geht halt nicht, weil der Mann ja arbeiten ist. Da werden Träume, wenn auch nur zeitweise, an den Nagel gehängt. Und nochmal: ich meine nicht, dass das nicht sein darf! Aber ich sehe das Nachtrauern, das Verzweifeln an zu wenig Input und den Groll innerhalb der Partnerschaft, der entsteht, wenn diese Situation „einfach so“ passiert ist.

Ich beende hier also mit einem Imperativ: Redet miteinander! Fragt euch gegenseitig, was ihr euch wünscht, traut euch, aus Rollen auszubrechen, wenn sie sich nicht stimmig anfühlen, glaubt daran, dass Veränderung möglich ist, auch wenn sie nicht direkt zu sehen ist.

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